Interview mit den Autoren zum Thema Stille

Kai Scheunemann: Klaus, was für eine Stille-Typ bist du? Genießt du Zeiten der Stille oder juckt es dir schon nach fünf Minuten wieder in den Fingern?

Klaus-Günter Pache: Mir juckt´s nicht nach fünf Minuten aber nach 10 Minuten spätestens. Und deshalb muss ich mich solange ich denken kann auch immer wieder sehr bewusst auffordern Stille zu halten, weil ich von Stille abhängig bin. Und ich ganz wesentlich auch mein geistliches Leben aus der Stille heraus definiere. Aber es fällt mir nicht von meinem Charakter so wie selbstverständlich zu.

Kai Scheunemann: War das ein Lernprozess? Du bist jetzt nicht mehr der Jüngste... (alle lachen)

Klaus-Günter Pache: Danke, das hab ich gebraucht.

Kai Scheunemann: War das anders in deiner jüngeren Phase? Das du da mehr ohne Stille gelebt hast?

Klaus-Günter Pache: Na ja, ich bin so im frommen Kontext groß geworden, wo Stille-Zeit ein fester Begriff war und irgendwo auch ein Gradmesser meiner geistlichen Reife. Man hat sich immer zu etwas gezwungen, viele Jahre. Es war mehr ein Werk. Mehr eine Last, denn eine Lust. Es war nicht der selbstverständliche Moment meiner Beziehung zu Christus sondern etwas, das zu meiner christlichen Sozialisation dazu gehörte. Und dann, durch so besondere Erfahrungen im persönlichen und auch in meinem dienstlichen Leben, durch so einschneidende Krisenerlebnisse, ist dann das passiert, was ja viele berichten können, nämlich dass Stille zu etwas anderem wird. Zu einer absoluten Notwendigkeit in meiner Verbindung zu Christus und meinem Leben mit Gott. Das es natürlicher wird, selbstverständlicher wird, sich nicht reduziert auf eine bestimmte Zeit. Schon gar nicht eine Zeit dich ich messe, um sagen zu können ich mach jeden Tag ne Stunde oder was weiss ich. Sondern etwas, das mich durch den Tag begleitet. Was ich als lebendige Beziehung so nicht missen müsste.

Kai Scheunemann: Braucht es eine Krise um zu diesen Erkenntnissen zu kommen?

Klaus-Günter Pache: Das würde ich nie verallgemeinern. Bei mir hat es da sicherlich immer so ganz deutliche Veränderungen gegeben. Aber ich beneide Menschen, die von ihrer Art her so diszipliniert sind, dass das ein natürlicher Bestandteil ihres Lebens ist. Das war bei mir nicht so. Bei mir hat´s eben schon so bestimmte Erlebnisse gebraucht um die ganze Geschichte auf eine natürlichere, selbstverständlichere Art und Weise zu leben.

Kai Scheunemann: Elke, was für ein Still-Typ bist du?

Elke Werner: Ich habe schon ganz verschiedene Typen in mir erlebt. Es gab Phasen, wo das ganz natürlich war morgens als erstes sich hinzusetzen und die Bibel zu lesen, zu verschlingen. Das ist schon länger her muss ich sagen, weil ich jetzt ja auch sehr viel mich beruflich mit der Bibel beschäftige. Da hat man dann noch mal ´nen andern Zugang. Früher war es so aus der Liebesbeziehung heraus. Jetzt schaut man mehr, was steht da wirklich im Text und wie ist der Zusammenhang. Man hat so ein berufliches Handwerk fürs Predigen oder fürs Auslegen, das man manchmal gar nicht mehr so in diese Liebesbrille eintaucht, wenn man die Bibel liest. Da muss ich jetzt schon mehr bewusst drangehen und mir Zeit dafür nehmen und eben auch dieses Hören auf Gott nicht auf diese Zeit beschränken sondern ganz bewusst im Alltag immer wieder hinhören. Egal was ich erlebe. Hinhören, Gott fragen: „Was sagst du zu dieser Situation?“, „Was soll ich jetzt tun?“, „Wie soll ich reagieren?“. Wirklich innerlich ständig mit Gott im Gespräch sein.

Kai Scheunemann: Magst du Stille?

Elke Werner: Ich mag sie, wenn ich im Bett liege und die Augen zu machen. (lacht) Ich bin ein sehr visueller Typ und sobald etwas um mich herum passiert hab ich echt Schwierigkeiten wirklich still zu werden. Auch wenn ich Predigten vorbereite. Ich leg mich hin und mach die Augen zu. Dann kann ich Predigten vorbereiten, dann kann ich still sein. Ich schlaf nicht ein. Auch morgens wenn ich aufwache, brauche ich immer noch einen viertel Stunde wo ich bete, mit Gott rede, über den Tag rede, bevor ich überhaupt aus dem Bett steige. Da ist so meine Stille-Zeit.

Kai Scheunemann: Du hast ein schönes Bild benutzt am Anfang des Buches, was für dich Stille im Alltag bedeutet. Kannst du das mal ganz kurz erzählen?

Elke Werner: Das ist in der Hauptstadt vom Sudan, wo ich oft bin. Da gibt es so ein sehr schönes Café mitten in der Stadt, mitten in einem großen Kreisverkehr. Rundherum kreisen die Auto in Massen. Das ist so ein Verkehrsknotenpunkt. Und man hat große Schwierigkeiten überhaupt da hin zu kommen. Zwischen den Autos durch, bis auf diese kleine Verkehrsinsel. Und wenn man dann da drin sitzt, dann ist der ganze Restaurantbetrieb umgeben von Grün. Von Bäumen und Sträuchern, was ja schon für eine sudanesische Stadt im Norden großartig ist. Aber dann hat man so das Gefühl man ist in einer anderen Welt, in einer Oase. Dann fällt die Hektik ab. Man hört die Autos nicht mehr, man hört gar nicht mehr dass sie außen herumfahren. Da spielen Kinder, da unterhält man sich, da trinkt man ´nen guten Kaffee oder isst was Leckeres und taucht so richtig ab in eine ganz ruhige Atmosphäre, mitten in dieser hektischen Stadt.

Bei mir ist das das Augenschließen. Ich muss die Welt da draußen ausschalten um die Welt innen anzuschalten.

Kai Scheunemann: Klaus, Was ist dein Idealort für Stille?

Klaus-Günter Pache: Also nicht morgens noch ne viertel Stunde länger im Bett liegen und die Augen schließen. (Elke lacht). Damit hätte ich allergrößte Probleme. Ich hab das lange versucht, weil das so ein evangelikales Ideal war. Bevor der Tag beginnt. Hudson Taylor. Bevor alle anderen aufstehen, war er schon wach und machte Stille-Zeit um sich dann in den Alltag zu stürzen. Das hab ich nie hingekriegt. Ich musste dann irgendwann mal feststellen, das hat mir dann auch zugesprochen, das es auch gestattet ist erst zu frühstücken und dann Stille-Zeit zu machen. Und das hat sich als ein wesentlich belebendes Element für meine Stille-Zeit gezeigt. Also, ich muss so bestimmte Abläufe haben. Das hilft mir sehr. Wenn so bestimmte Bedürfnisse befriedigt sind, dann hab ich den Kopf frei und dann kann ich Stille machen. Da bin ich ein völlig anderer Stille-Typ als Elke. Aber als sie gerade erzählt hat vom Sudan. Ganz aktuell. Kirchentag in Bremen. Und die Stadt war ja unglaublich voll. Eine relativ kleine Stadt wie Bremen mit 100.000 Besuchern und ich sitz am Donnerstagmittag auf dem Marktplatz, da wo am meisten Menschen waren, man kauf durch kam, beim Pavillon mit jemandem aus unserer Gemeinde. Wir trinken Kaffee zusammen, haben ein tolles Gespräch und um uns wuselt es.. überall Musik und Gerede... Und dann bat diejenige mich ob wir nicht noch beten können und dann haben wir in diesem ganzen Gewusel gebetet und einander gesegnet. Das war Stille, wie sie nicht schöner hätte sein können. Und das find ich, wenn man das entdeckt, dann entdeckt man eine ganz neue Dimension von Stille mit Gott.

Kai Scheunemann: Es ist die Beobachtung, dass sich Leute nach der Stille sehnen aber oft auch Angst haben vor der Stille. Wonach sehnen wir uns eigentlich? Wovor haben wir dann Angst?

Elke Werner: Ich glaub, wir sehnen uns nach dem Herausgenommensein aus dem was uns treibt. Wir sind ja getriebene Menschen. Wir werden ja bestimmt von außen, durch Termine, durch Pflichten, durch Aufgaben, durch das was uns anvertraut ist. Menschen, die irgendwas von uns erwarten. Und ich glaube, die Sehnsucht nach Stille ist dieses ganz Herausgenommensein und mal wieder mit sich selbst und vielleicht auch dem Sinn hinter dem Ganzen zu beschäftigen. Genau das kann Angst machen, weil viele Menschen Angst haben, dass da gar kein Sinn ist. Das man dann auf sich selbst gestellt bleibt. Und mit sich selbst auch ein Stück einsam und allein bleibt. Die Erfahrung ist allerdings, dass es genau anders ist. Wenn man das durchhält, wenn man sozusagen erst mal diese Schallmauer der Stille durchbrochen hat, das man dann in eine ganz andere Dimension eintaucht und merkt, da redet ja jemand mit mir, da ist ja Gott, der antwortet.

Klaus-Günter Pache: Also ich beobachte schon das das in unserer hektischen Glaubenszeit Stille für viele Menschen tatsächlich etwas bedrohliches ist. Weil sie dann mit sich und ihrem Leben nicht viel anfangen können. Sie haben es völlig verlernt mal für sich zu sein. Das ist immer verbunden mit Langeweile oder mit nervtötend... oder was weiß ich. Ich empfinde Stille vor allem, vielleicht kann man das beschreiben mit diesem alten Ausdruck, der so ganz aus der Mode gekommen ist, aus diesem alten geistlichen Begriff des Loslassens. Ich kann in der Gegenwart Gottes loslassen. Das wünsch ich mir immer so und all das was ich an Verantwortung in meinem Beruf habe. Was mich tag-täglich ganz schön herausfordert, was mich an die Grenzen meiner Kraft bringt. Gerade wenn man so gar keine Lösung in Konflikten sieht. Das ich in der Gegenwart Gottes loslassen kann. Wirklich sagen kann: „Herr, jetzt ist Zeit mit dir und jetzt mach du.“ Für mich war es immer eine Idealvorstellung, immer so ein Ziel, das aus tiefster Überzeugung sagen zu können, was man Luther nachsagt, dass er es gesagt hat. „Wenn ich mein Wittenbergisch Bier trinke, geht das Evangelium auch weiter.“ Also so eine Gelassenheit. Wir sind alle so unglaublich richtig und so viele zerren an uns. Und dann an so einen Punk zu kommen wo man sagt jetzt bin ich nicht wichtig und jetzt ist alles andere nicht wichtig. Jetzt bin ich vor Gott und mit meinem Gott und der wird’s schon richten. Ich hab einfach meine Ruhe. Das ist für mich etwas, das ein Stück weit die Ewigkeit ausmachen wird. Das Stille überhaupt nichts Bedrohliches ist sondern im Gegenteil, das es Ruhe ist.

Kai Scheunemann: Elke, du schreibst: „Stille ist nicht Abwesenheit von Lärm sondern Anwesenheit von Gott“. Warum fällt es uns so schwer, wenn wir dann endlich mal still sind, diese Anwesenheit Gottes auch zu spüren.

Elke Werner: Ich glaub, eine Dimension ist, das sagt die Bibel ja auch, das uns unsere Schuld von Gott trennt. Ich glaube, wir müssen das ernst nehmen, das wir manchmal von Gott getrennt sind durch Dinge die wir getan haben, die nicht zu Gott passen. Das wir manchmal erst anfangen müssen aufzuräumen, richtig einen Weg frei räumen in dem wir Schuld loslassen. In dem wir sagen: „Herr, das hab ich falsch gemacht. Das fällt mir jetzt ein.“ Das fällt uns nämlich ein, wenn wir mal Still werden, was alles an Konflikten oder Schwierigkeiten da ist, mit wem wir Streit haben. Das auszuräumen und vor Gott zu bringen. Da ist für mich oft so ein Schritt hin zur Stille. Das ich merke, die ganzen Dinge, die mich belasten. Ich bin vielleicht noch sauer auf jemanden, der mich verletzt hat oder mir fällt eine Situation ein, die ich noch nicht unter den Füßen habe. Das ich das alles wirklich Gott sage und abgebe. Das ist eine Dimension. Man muss jetzt nicht immer nur in seiner eigenen Schuld wühlen aber manchmal kann das kann ein Grund sein warum man Gott nicht hören kann.