Interview mit den Autoren über Rituale für eine stille Zeit

Kai Scheunemann: Elke, Worte im Herzen bewegen, ist eine der vielen Übungen, die du in diesem Buch vorstellst. Gibt es eine Lieblingsübung? Ein Ritual mit dem du die besten Erfahrungen gemacht hast?

Elke Werner: Also dieses „Jesus Christus erbarme dich meiner“, dieses Herzensgebet. Ich glaube, dass mir das hilft ruhig zu werden. Immer wieder die gleichen Worte zu sagen und dabei im gleichen Rhythmus zu atmen. Also beim Einatmen „Jesus Christus“ und beim Ausatmen „erbarme dich meiner“. Ich fülle das manchmal auch mit anderen Worten. Das ist etwas, wo ich nicht viel denken muss. Wo ich mir nicht noch mal etwas Neues ausdenken muss. Wo ich merke, jetzt nehme ich nicht meine Worte sondern jetzt komme ich einfach runter. Ich schalte einen Gang herunter, bis dahin, dass ich gar nichts mehr sage und einfach nur höre. Der Weg dahin ist manchmal so wie wenn man erschöpft abends nach Hause kommt und denkt: „Jetzt muss ich noch etwas machen um herunter zu kommen.“ Man hat vielleicht eine aufregende Sitzung gehabt, irgendwas gehabt und dann macht man etwas, das einem gut tut um runter zu schalten. So sehe ich das auch. Ich muss manchmal etwas tun um runter zu schalten und da sehe ich dieses Herzensgebet.

Kai Scheunemann: Ist das so, dass du das Herzensgebet wie in östlicher Tradition eigentlich andauernd betest?

Elke Werner: Andauernd nicht, nein. Ich rede schon ständig mit Jesus, innerlich in meinem Herzen über alles Mögliche, was ich erlebe. Wenn dich durch die Straßen gehe, dann bete ich für Menschen, die ich sehe oder wenn ich einen Zeitungsartikel lese oder wenn ich die Nachrichten schauen, da rede ich mit Jesus drüber. Das ist schon eine Gewohnheit geworden. Da würde ich aber schon wieder irgendetwas vorbringen vor Gott. Da wäre ich schon wieder aktiv und das Herzensgebet hilft mir zur Ruhe zu kommen, das ist noch mal ein spezielles Anliegen.

Kai Scheunemann: Klaus, hast du ein Ritual, das dir hilft still zu werden?

Klaus-Günter Pache: Also mir ist einmal ganz, ganz wichtig – da bleibt auch eine Spannung, die ich nicht lösen kann – das ich auf der einen Seite Stille mit Gott, reden mit Gott empfinden darf und muss als das Gespräch zwischen zwei Personen. Das kann ja nicht ritualisiert sein. Ich rede ja auch mit meiner Frau nicht in der Weise, das ich ihr fünfzigmal stereotyp am Tag sage: „Ich liebe dich.“ und ansonsten keine Kommunikation stattfindet, sondern ich rede mit ihr. Ich muss mir halt die Zeit nehmen mit ihr zu reden. Das ist dann die Schwierigkeit, wie komme ich runter aus der ganzen Hektik und finde dann die Zeit mit Gott zu reden. Da helfen mir nicht so sehr bestimmte Formulierungen oder Übungen sondern – vielleicht zu profan – ich hab immer so einen kleinen Kreis von absoluten geistlichen Lieblingsliedern. Nicht nur unbedingt aktuelle Lobpreisliteratur oder auch den einen oder anderen Choral, ein paar Evergreens auch aus der Erweckungszeit. Diese Lieder lassen so eine Saite in einem klingen, da bin ich ganz schnell runter und auch ganz schnell so, das ich den Kopf frei hab und mir Zeit nehmen kann für Stille mit Gott. Insoweit würde ich es immer sehr unterstützen, dass man auch das Tool, das man hier bekommt und das ja auch typisch ist für unsere Zeit nutzt. Mir ist es eine riesige Hilfe, dass ich Lieder heute hören kann wann immer mir danach ist. Geistliche Lieder.

Kai Scheunemann: Elke, du sprichst in dem Buch ein ungeliebtes Thema an. Da ist Disziplin ein Begriff, der sich nicht unbedingt allgemeiner Wertschätzung erfreut. Du sagst: „Ohne Disziplin geht es nicht“. Blöd oder?

Elke Werner: (lacht) Ja, das ist schon einen Herausforderung sich selbst zu disziplinieren aber Disziplin ist ja auch eine Geistesfrucht, hat ja auch mit dem Leben Gottes in mir zu tun. Da wächst ja auch Disziplin. Ich kann das nicht nur mit preußischem Gehorsam erreichen. Das ich sage: „Ich muss also tue ich es“, „Mein Lohn ist, das ich darf“ so ungefähr, das würde ich nicht sagen. Disziplin als eine Art Selbstkasteiung. Disziplin als etwas, wo ich nicht nach den Gefühlen lebe, sondern wo ich mich den Tatsachen stelle. Wo ich mich selber auch zum Guten zwinge oder mich selber auch zum Guten bewege. In dem Sinne finde ich das schon sehr wichtig. Ohne diese Disziplin kann man auch gar nicht leben, ist man gar nicht lebensfähig. Deswegen bedauere ich es auch so, dass so wenig Disziplin überhaupt noch von Kindern gefordert wird oder mit Kindern geübt wird.

Kai Scheunemann: Wird aus dieser Disziplin nicht auch schnell das, was Klaus gesagt hat am Anfang (erster Teil), dass seine Stille-Zeit nur noch aus Disziplin bestand? Wo ist da die Grenze?

Elke Werner: Ja, ich glaube, man kann auf beiden Seiten vom Pferd fallen. Ich glaube jetzt, dadurch das wir das ganz frei stellen, lernen junge Leute gar nicht mehr in die Stille zu kommen, weil sie diese Disziplin gar nicht erst lernen. Ich kann eine Disziplin lernen und dann bin ich frei zu improvisieren, weil ich die Grundkenntnisse habe, aber wenn ich die Grundkenntnisse nicht habe, kann ich auch nicht improvisieren. Das ist wie im Tanz oder Sport. Es gibt immer so ein Standbein und ein Schwungbein. Es gibt immer etwas, was mit Übung und mit Training zu tun hat und dann etwas, was frei fließend ist oder sich vielleicht daraus entwickelt. Wenn ich diese Disziplin der Stillen-Zeit nicht gehabt hätte in den ersten Jahren meines Christseins, weiß ich nicht, ob ich heute so frei und so lebendig mit Gott leben könnte, wie ich es jetzt tue. Ich hab das sehr zwanghaft gemacht, mit Gebetslisten und Bibellisten, und ich mach das auch jetzt noch, wenn ich im Urlaub bin, dass ich jeden Tag zehn Kapitel lese, einfach herunterlese, ganz zwanghaft und nicht eher aufhöre, bis ich die zehn gelesen habe. Das schaff´ ich sonst im Alltag nicht, aber da mach ich das und das hilft mir. Das hilft mir auch mir zu zeigen, ich kann das noch. Ich kann noch auf diese Disziplinebene zurück, weil ich glaube, die braucht man, gerade in schwierigen Zeiten noch viel mehr, wenn die Gefühle eben wegbrechen. In Krisensituationen sind die Gefühle nicht so der gute Ratgeber, da ist es besser, wenn man noch ein System hat, an das man sich halten kann.

Kai Scheunemann: Da würde ich gern bei dir anknüpfen Klaus. Du sagtest, dass du jemand bist der über die Gefühle angesprochen wird. Da passt jetzt Disziplin gar nicht dazu. Du kommst aber aus einer sehr disziplinierten Tradition.

Klaus-Günter Pache: Wobei ich das nie im Entweder-/Oder sehen würde. Ich denke, man sagt mir nach, dass ich sehr strukturiert und perfektionistisch bin – eigentlich so gar nicht der Gefühlsmensch – damit wollte ich eben nur sagen, das beides zusammen gehört und das wir im Gefühl eben die Ergänzung haben, die wir brauchen. Aber ansonsten gilt das was Elke sagt. Christsein bedeutet Jünger sein. Das Wort „Jünger“ wenn man Sprachstudien betreibt, im Englischen „Disciple“ und da ist dann wieder das schöne deutsche Wort Disziplin drin. Das hat die gleiche Wurzel. Das heißt, als Jünger muss ich Dinge lernen. Das geht gar nicht anders. Wenn ich meine Nachfolge davon abhängig mache, wie ich mich gerade empfinde und was ich fühle, dann „Gute Nacht“. Das wäre das Letzte wofür ich votieren würde. Nur als eine gute Ergänzung zu dem was man mal gelernt hat und was tief in einem verankert ist, als gute Gewohnheit, als lebensrettende Gewohnheit, muss dann Rückkopplung auch in unserer Seele kommen. Sonst wird es starr und kalt. Das beides muss miteinander uns ausmachen.

Kai Scheunemann: Würdet ihr denn soweit gehen, wenn jemand gerade gar nichts fühlt und gar nichts spürt, das ihr sagt, mach jeden Tag deine 15 Minuten Stille-Zeit. Irgendwann mal kommt´s wieder.

Elke Werner: Ich glaube, gerade in den Zeiten, wo man nichts spürt und nichts fühlt, sollte man sich schon motivieren durchzuhalten und nicht aufzugeben. Das ich, glaube ich, oft die Gefahr, das wir immer so in der Instant-Gesellschaft leben und es muss sofort Erfolge bringen. Wenn es nicht sofort einen Erfolg bringt, dann lass ich es sein. Ich glaube, es geht in der Stille und in dem Hören auf Gott nicht so sehr auf den Erfolg, den ich jetzt spüre, sondern um das Einüben einer Gewohnheit, die mir später mal den Hals retten kann. Die mich später mal vor Schlimmem bewahren kann. Gerade in Krisenzeiten würde ich nicht aufgeben sondern da bleibt ja oft gerade dieses Systematische. Wenn ich sage, ich spüre jetzt gar nichts dann umso besser um so wichtiger ist es, dran zu bleiben und dann nicht zu sagen, okay, dann mach ich erst wieder weiter, wenn ich wieder was spüre.

Kai Scheunemann: Aber dann landet man da wo wir früher in der evangelikalen Szene stark verhaftet waren, in diesem sehr ritualisierten Pflichtprogramm, was man so als Christ macht.

Klaus-Günter Pache: Sonst grundsätzlich „Amen“ zu dem was Elke gesagt hat. Ich brauche schon meine feste Verankerung. Es gibt immer Zeiten, im Leben eines jeden Christen – ich wüsste keine Ausnahme – wo wir durch Zeiten der scheinbaren Gottesabwesenheit gehen. Er ist ganz weit weg. Wir haben überhaupt nicht den Eindruck, dass er auf unsere Gebete hört. Die Bibel spricht überhaupt nicht zu uns, sie ist langweilig und wir haben überhaupt keine Lust dazu. Dann ist es so wie wir es auch in unseren menschlichen Beziehungen immer wieder erleben. Auch eine Ehe besteht nicht 45 Jahre aus Flitterwochen. Da gibt es trockene Zeiten dazwischen, Zeiten wo wir zusammen bleiben, weil wir es uns versprochen haben, um dann wieder sehen zu dürfen, das etwas ganz neu wieder aufbricht. Das wieder Liebe da ist. Das sie in einer neuen Qualität da ist. Ich habe mal irgendwo feinen Gedanken gelesen der mich nicht mehr losgelassen hat: „Gott zieht sich manchmal zurück, damit wir ihn suchen“. Damit es uns wieder kostbar wird. Wenn wir ihn eine zeitlang vermissen, wenn wir den Eindruck haben, da kommt nichts wieder, ist es umso schöner, wenn wir ihm dann wieder begegnen. Oder wenn er so scheinbar zu uns sagt: „Na, lange nicht mehr gesehen. Wo warst du die ganze Zeit?“ dann ist was ganz neues da. Das gehört dazu. Alles Schöne wird sonst so gewöhnlich, das wir es überhaupt nicht mehr zu schätzen wissen.

Elke Werner: Wir müssen auch aufpassen, dass wir nicht einen unnötigen Kontrast zwischen Disziplin und Kreativität aufbauen. Auch die Disziplin kann sehr kreativ sein. Wie ich diese ¼ Stunde (Zeit) fülle, das kann ja ständig wechseln. Wenn ich merke Gott spricht jetzt nicht mehr zu mir, dann würde ich mal auf eine anderen Übersetzung wechseln oder würde mal die Bibel abschreiben oder irgendwelche anderen kreativen Sachen machen. Mal einen Brief zurück an den Schreiber des biblischen Briefes schreiben. Um mich selber wieder zu begeistern für die Bibel. Diese Disziplin und die Kreativität widersprechen sich nicht. Ich weiß, dass ich in den ersten Jahren meines Christseins wo ich ganz zwanghaft jeden morgen Stille-Zeit gemacht habe auch sehr gute Grundlagen für mein Leben gelegt habe. Auch wenn ich das jetzt so nicht mehr mache und wenn überhaupt, würde ich das jetzt wahrscheinlich eher abends machen, weil ich morgens nicht so schnell dabei bin. (lacht)