Was würde Jesus fahren?

Die Evangelikalen Christen in den USA finden allmählich neue Themen: Statt gegen Abtreibung und Schwulenehe kämpfen sie für eine neue Klimapolitik.

VON DIETMAR OSTERMANN


Vor zwei Jahren war Reverend Jim Ball noch ein krasser Außenseiter. Der umweltbewusste Prediger aus Washington und seine Mitstreiter vom Evangelical Environmental Network sorgten in den USA damals mit TV-Spots für Aufsehen, in denen eine simple Frage gestellt wurde: Was würde Jesus fahren? Die Frage zielte auf den Hang der Amerikaner zu großen, durstigen Autos und galt wegen des gewaltigen Medienechos bald als erfolgreichste US-Umweltkampagne seit Jahren. Doch obwohl rund 1900 Zeitungen und 400 TV-Sender berichteten, war die Resonanz unter evangelikalen Christen zurückhaltend. Kaum jemand verzichtete aus Sorge um die Schöpfung auf den Geländewagen. Konservative Evangelikale attackierten Ball, er möge sich lieber um die Rettung von Seelen kümmern, statt um die der Natur.

Aufgegeben aber hat der Öko-Prediger nicht. Und jetzt melden sich wieder evangelikale Christen mit TV-Spots und Anzeigen zu Wort: "Unser Bekenntnis zu Jesus Christus zwingt uns, die Krise der globalen Erderwärmung zu lösen", heißt es da. Und: "Nach erheblichem Studium, Reflexionen und Gebeten sind wir jetzt überzeugt, dass es für unser Land an der Zeit ist zu helfen, das Problem der Erderwärmung zu lösen." Der Aufruf kommt nicht ganz so griffig daher wie die eingängige "What would Jesus drive"-Kampagne. Dafür zählen diesmal einige der prominentesten Evangelikalen zu den Unterzeichnern. Vor allem ein Name elektrisiert: Rick Warren. Der 51-Jährige ist so etwas wie ein Superstar der evangelikalen Bewegung in den USA. Er predigt nicht nur jedes Wochenende in der Saddleback-Megachurch im kalifornischen Lake Forest vor 22 000 Menschen. 600 Pastoren haben ihn in einer Umfrage nach Billy Graham zum einflussreichsten Prediger des Landes erklärt. Warren schmückte das Titelblatt von Time, als das Magazin unlängst die 25 wichtigsten Evangelikalen vorstellte. Seine Bücher haben mehr als 20 Millionen Menschen gelesen. Am Vorabend seiner zweiten Amtseinführung betete Präsident George W. Bush mit Warren.

Wenn so einer jetzt dazu aufruft, "mit der gleichen Liebe zu Gott und den Nachbarn" nicht nur für traditionelle Themen der Evangelikalen einzutreten, sondern eben auch den Klimawandel zu bekämpfen, hat das Gewicht. Rund drei Dutzend Präsidenten christlicher Hochschulen schlossen sich dem Aufruf an. Insgesamt haben 86 Prominente die von Jim Ball ins Rollen gebrachte Evangelikale Klimainitiative unterzeichnet. Der Aufruf ist der bislang deutlichste Ausdruck für ein Umdenken in der einflussreichen evangelikalen Bewegung in den USA. Die machte in der Vergangenheit vornehmlich mit anderen Themen Schlagzeilen: dem Kampf gegen Abtreibung, Schwulenehe, Stammzellforschung und Darwin. Sie bildet den Kern der christlichen Rechten in den USA und gilt als wichtiger Wählerblock des Präsidenten. Für Umweltthemen hatte man bislang wenig übrig. Auch jetzt sprachen sich andere evangelikale Führer wie James Dobson gegen die Initiative aus. Immer mehr Evangelikale aber wenden sich neuen Themen wie Armut und Aids zu.

Artikel der Frankfurter Rundschau vom 17.02.2006